Besonders in Städten könnte das 9-Euro-Ticket den individuellen Autoverkehr reduzieren. Darauf deuten erste Ergebnisse einer Befragung durch eine Forschungsgruppe der Universität Kassel hin.

„Insbesondere die Frage, ob das Angebot des 9-Euro-Tickets an den Bedürfnissen des ländlichen Raums vorbeigeht, wird ja oft gestellt“, erklärt Prof. Dr. Angela Francke, die Leiterin des Fachgebiets Radverkehr und Nahmobilität an der Universität Kassel. „Wir haben jetzt Daten vorliegen, die ebenfalls in diese Richtung deuten.“ Aus den Ergebnissen geht hervor, dass unter anderem die Bewertung des ÖPNV-Angebots einen signifikanten Faktor für den geplanten Kauf des Tickets darstellt. So zeigt sich, dass bei einer sehr schlechten Verkehrssituation für den ÖPNV nur 53 Prozent der Befragten angaben, das Ticket kaufen zu wollen.

Insgesamt gaben 85 Prozent der Befragten an, dass sie das Ticket gekauft haben oder noch sehr wahrscheinlich kaufen werden – in Städten unter 5.000 Einwohnern waren es jedoch nur 75 Prozent. Je größer die Stadt, und damit das ÖPNV-Angebot, desto höher die Nachfrage nach dem Ticket (89 Prozent in Städten über 100.000 Einwohnern).

Aufschlussreich ist auch, welche Wege mit dem 9-Euro-Ticket zurückgelegt werden. Dies sind vor allem Wege in der Freizeit. Wer das Ticket bereits erworben hatte oder dies plante, wollte es vor allem für Tagesausflüge (80 Prozent), Besuche bei Verwandten, Freundeskreis oder Bekannten (60 Prozent) sowie für Urlaube oder Kurzreisen zu touristischen Zielen (55 Prozent) nutzen.

Im Hinblick auf mögliche Auswirkungen des Angebots auf die Nahmobilität zeigt sich, dass 25 Prozent der Befragten die Mitnahmemöglichkeit für Räder im ÖPNV genutzt hatten. Rund 20 Prozent der Befragten äußerten sich besorgt, dass dies durch volle Busse, Bahnen und Züge nun schwerer werden könnte. Andererseits freute sich ein Großteil der Befragten auf die Einfachheit der Nutzung des Tickets über alle Tarifzonen und Verkehrsverbünde hinweg. Davon erhoffen sich viele, dass dies auch einen Anreiz schafft, den Autoverkehr zu ersetzen.

Die Online-Befragung der Universität Kassel wurde Ende Mai durchgeführt, somit unmittelbar vor dem Start des 9-Euro-Tickets. An dieser Befragung nahmen bereits rund 2.300 Menschen teil. Zwar gebe es einen sogenannten „selection bias“, das heißt, die Gruppe der Teilnehmer sei kein Querschnitt der Bevölkerung – so hätten etwa Nutzer des ÖPNV überdurchschnittlich häufig teilgenommen, erläuterten die Forscherinnen. Dennoch seien die Ergebnisse aufgrund der breiten Datenlage repräsentativ für Menschen, für die der Kauf eines 9-Euro-Tickets grundsätzlich infrage komme. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht.

Das Fachgebiet für Radverkehr und Nahmobilität der Universität Kassel plant weitere Erhebungswellen. “Wir möchten dabei insbesondere erfragen, weshalb das Ticket gekauft oder nicht gekauft wird und für welche Wege es genutzt wurde”, so Prof. Angela Francke. An der Umfrage können alle Personen teilnehmen, unabhängig davon, ob sie an der ersten Befragung teilgenommen oder das 9-Euro-Ticket genutzt haben. Die Gesamtergebnisse der Studie sollen Ende Oktober vorliegen.

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