Die sicherheitspolitische Lage ist angespannt, die Debatten werden schärfer – doch nach Einschätzung junger Technologieunternehmen ist Deutschland auf mögliche Angriffe weiterhin nur unzureichend vorbereitet. Kurz vor Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz schlagen DefTech-Startups Alarm und stellen der Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik ein schlechtes Zeugnis aus.
Laut einer aktuellen Umfrage der Startup-Initiative Get Started des Digitalverbands Bitkom stufen 9 von 10 befragten Gründerinnen und Gründern die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands als gering oder sehr gering ein. 76 Prozent sprechen von einer geringen, 11 Prozent von einer sehr geringen Verteidigungsfähigkeit. Im Vorjahr hatten 71 Prozent die Lage als gering und 25 Prozent als sehr gering bewertet. Befragt wurden 37 DefTech- und Dual-Use-Startups in Deutschland, darunter 6 Single-Use- und 31 Dual-Use-Unternehmen. Die Online-Befragung fand zwischen Kalenderwoche 01/2026 und 04/2026 statt, ist nach Angaben von Bitkom jedoch nicht repräsentativ.
Die Kritik der Startups kommt vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine, wachsender Spannungen zwischen EU und USA sowie hybrider Angriffe auf Infrastrukturen, Verwaltungen und Unternehmen. „Verteidigungsfähigkeit und Resilienz werden inzwischen gesellschaftlich breit debattiert und es bewegt sich etwas, aber die Dringlichkeit ist zu oft noch nicht spürbar. Wir können nicht Jahre auf Veränderungen warten, wir brauchen schnell einsatzfähige Lösungen“, sagte Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Er betonte zugleich, dass moderne Verteidigung weit über klassische Rüstung hinausgehe: „Zur Verteidigungsfähigkeit gehören heute auch Daten, KI und vernetzte Systeme. Software Defined Defense muss das Leitmotiv deutscher Verteidigungspolitik sein.“
Als größtes Hindernis sehen die Startups die bestehenden Vergabe- und Beschaffungsprozesse. 90 Prozent fordern beschleunigte Verfahren, etwa über sogenannte Fast Tracks. 87 Prozent sprechen sich dafür aus, mehr Mittel aus dem Verteidigungshaushalt gezielt für die Beschaffung innovativer Lösungen bereitzustellen. 76 Prozent wünschen sich eine frühzeitige Zusammenarbeit von Bundeswehr und Startups, etwa über Challenge-Formate. Zudem halten 84 Prozent eine stärkere politische Förderung der Kooperation zwischen DefTech-Startups und etablierten Unternehmen für wichtig. „Startups entwickeln permanent Innovationen in sehr kurzen Zyklen. Das müssen wir nutzen und Erprobung und Beschaffung so aufstellen, dass neue Lösungen unverzüglich in der Praxis ankommen können“, so Wintergerst.
Trotz der deutlichen Kritik an Strukturen und Verfahren wächst der Rückhalt für den Standort Deutschland innerhalb der Szene. Rund jedes zweite DefTech-Startup, konkret 49 Prozent, würde bei einer erneuten Gründung wieder Deutschland wählen – ein Anstieg um 10 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. 24 Prozent würden ein anderes EU-Land bevorzugen, nach 16 Prozent im Jahr 2025. Deutlich an Attraktivität verloren haben dagegen die USA: Nur noch 8 Prozent der Befragten würden dort gründen, vor einem Jahr waren es noch 25 Prozent.
Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Gründerinnen und Gründer im Verteidigungsbereich hat sich nach ihrer Einschätzung verbessert. 65 Prozent fühlen sich mit ihrem Engagement inzwischen wertgeschätzt, im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 41 Prozent. Die vollständigen Ergebnisse der Erhebung hat Bitkom im „DefTech-Report 2026“ veröffentlicht, der online abrufbar ist. Der Verband versteht die Umfrage als Stimmungsbild einer jungen Branche, die sich als Teil der sicherheitspolitischen Infrastruktur sieht, aber deutlich schnellere und flexiblere Wege in der Beschaffung fordert.



















