Die vertraute Stimme der eigenen Tochter, die am Telefon in eine Notlage geraten ist. Ein Video des Chefs, das eine dringende Überweisung verlangt. Oder ein bekannter Prominenter, der plötzlich für eine dubiose Geldanlage wirbt. Was täuschend echt wirkt, ist zunehmend künstlich erzeugt – und damit ein neues Werkzeug für Cyberkriminelle. Jeder elfte Internetnutzer in Deutschland wurde in den vergangenen zwölf Monaten mit einem solchen Deepfake getäuscht.
Konkret berichten 9 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, Opfer einer mit Künstlicher Intelligenz erstellten oder manipulierten Foto-, Video- oder Sprachaufnahme geworden zu sein. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 3 Prozent. Das geht aus einer repräsentativen Befragung von 1.126 Personen ab 16 Jahren hervor, die der Digitalverband Bitkom im Vorfeld der IT-Sicherheitsmesse it-sa veröffentlicht hat.
Für Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung, liegt die Gefahr in der scheinbaren Vertrautheit. „Cyberkriminelle nutzen alle technischen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Und Künstliche Intelligenz macht Betrug leichter und glaubwürdiger. Eine vertraute Stimme oder ein echt wirkendes Video schaltet bei vielen das Misstrauen zumindest im ersten Moment aus, genau darauf setzen die Täter“, sagt sie. Ihr Rat: Bei jedem schockierenden Anruf oder jeder dringenden Zahlungsaufforderung über einen zweiten Kanal nachfragen, bevor man handelt.
Doch so rasant neue Methoden auch zunehmen, die große Mehrheit der Opfer trifft es nach wie vor mit altbekannten Maschen. An der Spitze stehen Schadprogramme wie Viren, die bei 32 Prozent der Betroffenen Computer oder Smartphone infiziert haben. Es folgen Betrug beim Online-Einkauf mit 29 Prozent sowie Phishing per Mail, Kurznachricht oder Telefon mit 21 Prozent. Bei 14 Prozent wurden Zugangsdaten zu Online-Diensten ausspioniert, 9 Prozent berichten von einem Identitätsdiebstahl unter ihrem Namen. Insgesamt wurden 64 Prozent der Internetnutzer binnen eines Jahres Opfer von Cyberkriminalität, ein leichter Anstieg gegenüber den 61 Prozent im Vorjahr.
Wie lukrativ dieses Geschäft für Kriminelle ist, zeigt Dehmel am Beispiel gekaperter Konten. „Wer einmal Zugriff auf ein E-Mail-Konto hat, kann von dort aus weitere Konten übernehmen, im Namen des Opfers Waren bestellen oder Freunde und Familie täuschen“, erklärt sie. Als wirksamsten Schutz nennt sie einzigartige, starke Passwörter für jeden Dienst sowie die Zwei-Faktor-Authentifizierung oder neuere Lösungen wie Passkeys. Daneben locken Kriminelle inzwischen auch mit gefälschten QR-Codes auf betrügerische Webseiten – fünf Prozent sind so bereits in die Falle gegangen.
Die finanziellen Folgen sind spürbar. 58 Prozent der Betroffenen entstand ein persönlicher Schaden, im Schnitt belief er sich auf 233 Euro. Trotzdem bleibt der Gang zur Polizei die Ausnahme: Nur 19 Prozent erstatteten Strafanzeige, nach 26 Prozent im Vorjahr. Und die Erfahrungen fallen oft ernüchternd aus. Bei 22 Prozent wurde das Verfahren eingestellt, 27 Prozent fanden, die Anzeige habe nichts gebracht. Aufgeklärt wurde am Ende nur jeder fünfzigste Fall.
„Jede Tat, die nicht angezeigt wird, fehlt im Lagebild, und Täter, die nicht verfolgt werden, machen weiter“, mahnt Dehmel und fordert eine bessere personelle und technische Ausstattung von Polizei und Justiz. Oft fehlt den Menschen schon die Orientierung: Unverändert 54 Prozent wissen nicht, an wen sie sich nach einem Angriff überhaupt wenden können. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Politik. 87 Prozent wünschen sich mehr polizeiliche Präsenz im digitalen Raum, 86 Prozent fordern härtere Strafen. Die it-sa Expo&Congress findet vom 27. bis 29. Oktober 2026 im Messezentrum Nürnberg statt.




















