Foto: Klinikum Saarbrücken
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Es war ein Schock für das Gesundheitswesen, aber vielleicht ein heilsamer: 2012 wurde im Zuge des sogenannten Organspendenskandals bekannt, dass in vielen Transplantationskliniken in Deutschland getrickst worden war. So kamen Patienten an Spenderorgane, obwohl andere sie dringender gebraucht hätten. Dass sich seitdem viel bei der Kontrolle getan hat, zeigt eine aktuelle Studie der SRH Fernhochschule. Diese zeigt aber leider auch, dass noch viel zerstörtes Vertrauen wieder aufgebaut werden muss.

Rückblick: Vor zehn Jahren waren bundesweit zahlreiche Fälle bekannt geworden, bei denen Patientendaten manipuliert wurden. So kamen manche Patienten aufgrund falscher Angaben zu ihrem Gesundheitszustand schneller an ein Spenderorgan. Die Reihenfolge, wer wann ein Spenderorgan erhält, wird europaweit von der Stiftung Eurotransplant geregelt. Dabei ist der individuelle Gesundheitszustand entscheidend. „Ausschlaggebend sind die Dringlichkeit, aber auch die Erfolgsaussichten einer Transplantation“, erklärt Dr. Semelink-Sedlacek. „Werden hier von der Klinik, in der ein Patient behandelt wird, falsche Angaben gemacht, kommen nicht die dran, die eigentlich an der Reihe wären. Das kann gravierende Folgen haben.“ Genau das war 2012 aufgeflogen.

Vertrauen in Vergabeverfahren beschädigt

Semelink-Sedlacek studierte, neben ihrer Arbeit als Assistenzärztin in der Kinderheilkunde, Prävention und Gesundheitspsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. Für ihre Masterarbeit hat sie untersucht, was sich seit dem Organspendenskandal 2012 getan hat. „Die Ereignisse damals haben viel Vertrauen bei diesem hochsensiblen Thema zerstört. Lag die Zahl der postmortalen Organspender im Jahr 2012 noch bei 1.045, ging sie sicher auch als Folge des Skandals auf einen Tiefststand von 797 im Jahr 2017 zurück. Ein Minus von 24 Prozent!“ Konsequenzen gab es wohl: Zum Beispiel wurden unabhängige und flächendeckende Kontrollen eingeführt und endlich ein klarer Straftatbestand für Richtlinienverstöße definiert. Aber die Frage, die Semelink-Sedlacek beschäftigte, war: Reicht das?

Die Kontrollen wirken. Aber …

Die Antwort lautet: jein. Die Medizinerin hat zahlreiche Experteninterviews im Rahmen ihrer Studie geführt, darunter Fachkollegen, Juristen und Ethiker. Alle sind sich einig, dass die verschärften Kontrollen funktionierten. Auch gäbe es glücklicherweise nur wenige Verdachtsfälle. Dennoch sei es dringend nötig, die Reformprozesse weiter zu optimieren und vor allem transparenter zu machen. „Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das verlorene Vertrauen nicht zurückgewonnen werden konnte“, so Semelink-Sedlacek. „Bis heute gibt es deutlich weniger Organspender als vor dem Skandal.“ Im Jahr 2021 waren es 933 postmortale Spender, rund 10 Prozent weniger als 2012.

Die „Widerspruchslösung“ der Schweizer auch in Deutschland?

In der Schweiz haben sich die Bürger am 16. Mai 2022 in einer Volksabstimmung für eine radikale Neuregelung – der „Widerspruchslösung“ – gestimmt. Soweit eine verstorbene Person zu Lebzeiten nicht der Organspende widerspricht, wird diese als potenzieller Spender geführt. Voraussichtlich wird diese Neuregelung in der Schweiz zu Anfang 2024 eingeführt. In Deutschland hingegen ist die Widerspruchslösung vor zwei Jahren im Bundestag gescheitert. „Eine Reevaluation dieser Entscheidung ist sicher sinnvoll, da die Bevölkerung in Umfragen der Organspende grundsätzlich positiv gegenübersteht. Ein wichtiger Aspekt für eine breite Akzeptanz der Widerspruchslösung ist, dass das Vertrauen der Bevölkerung in das System der Organspende weiter gestärkt wird“, so Semelink-Sedlacek.

Das bestätigt auch Prof. Alfons Runde. Er lehrt an der SRH Fernhochschule Gesundheitsökonomie und hat die Abschlussarbeit von Lena Semelink-Sedlacek betreut. „Bislang liegt keine systemische Aufarbeitung zu den Konsequenzen aus dem Organspendenskandal vor. Frau Semelink-Sedlaceks Studie leistet hier einen sehr wichtigen Beitrag. Vor allem macht sie deutlich, dass wir uns die Vergabekriterien noch genauer anschauen müssen.“ Häufig stünden sich gerade die Dringlichkeit einer OP und deren Erfolgsaussichten gegenüber, etwa wenn jemand dringend ein Spenderorgan braucht, die Aussichten, dass die Transplantation ein dauerhafter Erfolg wird, aber gering sind.“

Es fehlt an Forschung und finanziellen Mitteln

Hier könnten bessere Prognoseverfahren viel bewirken, da sind sich die Medizinerin und ihr Professor einig. Außerdem müssten die Betroffenen besser über die Abläufe und vor allem die Verbesserungen informiert werden. „Dazu ist viel weitere Forschungsarbeit nötig, außerdem fehlt es an finanziellen Mitteln und Personal“, so Runde. „Spenderorgane sind nach wie vor eine knappe Ressource. Wir befinden uns auf einem guten Weg, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Wie immer hängt das System von den Menschen ab, die es gestalten und nicht nur von ordnungspolitischen Regelungen. Jeder einzelne Akteur benötigt zu den orientierenden Regularien ein Repertoire an ethischen Verhaltensregeln, um eine sozial gerechte Verteilung der knappen Ressource “Spenderorgan” sicherzustellen“, erklärt Semelink-Sedlacek abschließend.

Anzeige
Vorheriger ArtikelAusschreibung für Solaranlagen des ersten Segments: „Die Ausschreibungen waren unterzeichnet”
Nächster ArtikelPreisdeckel für Strom und Gas: Kabinett beschließt Energiepreisbremsen

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte kommentieren sie.
Bitte geben sie ihren Namen ein.