Deutschlands Energie- und Wasserversorger stehen im Fadenkreuz – und die beiden größten Branchenverbände des Landes fordern ein grundlegendes Umdenken beim Schutz kritischer Infrastrukturen. Beim ersten gemeinsamen KRITIS-Gipfel von BDEW und VKU am 10. März 2026 in Berlin kamen Spitzenvertreterinnen und -vertreter aus Energiewirtschaft, Politik, Verwaltung und Bundeswehr zusammen, um über wachsende Bedrohungen und konkrete Gegenmaßnahmen zu beraten. Das Signal der Veranstalter war unmissverständlich: Resilienz darf kein Lippenbekenntnis bleiben.
BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae, VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing, Staatssekretär Hans-Georg Engelke aus dem Bundesinnenministerium und Generalleutnant André Bodemann setzten zum Auftakt Impulse zu strategischer Vorsorge und aktuellen Bedrohungslagen. In zwei anschließenden Panels ging es um die Lehren aus dem jüngsten Stromausfall in Berlin sowie um den Stand der zivilen Verteidigung in Deutschland. Damit rückte die Veranstaltung zwei Themen ins Zentrum, die in der öffentlichen Debatte oft abstrakt bleiben, für die Versorgungssicherheit aber existenziell sind.
Beide Verbände legten anlässlich des Gipfels drei zentrale Forderungen vor. Erstens verlangen sie eine Neubewertung bestehender Transparenzpflichten: Energieunternehmen müssen derzeit umfangreiche Daten offenlegen, etwa aufgrund von Open-Data-Vorgaben oder dem Informationsfreiheitsgesetz. Wo solche Veröffentlichungen jedoch Angreifern Schwachstellen offenbaren und damit die physische oder digitale Sicherheit gefährden, sollen die Regeln überprüft und angepasst werden. Zweitens fordern BDEW und VKU eine ausfallsichere Kommunikationsinfrastruktur, die selbst bei einem Blackout den Austausch zwischen Betreibern und Behörden gewährleistet. Als Beispiel nennen sie das schwarzfallfeste 450-MHz-Funknetz für die Energie- und Wasserwirtschaft. Drittens drängen die Verbände auf eine verlässliche Finanzierung erhöhter Schutzmaßnahmen – einschließlich einer regulatorisch gesicherten Kostenanerkennung für Reparaturen nach Angriffen, Notfallpläne und Krisenmanagement. Die Mittel sollten teilweise aus dem Verteidigungshaushalt fließen, der nicht unter die Schuldenbremse fällt, sowie aus einem noch einzurichtenden Resilienzfonds.
Andreae verwies auf den Anschlag auf das Berliner Stromnetz als Weckruf: „Ein lückenloser Schutz kritischer Infrastruktur wird nie vollständig möglich sein. Umso entscheidender ist es, dass Betreiber schnell Klarheit und belastbare Vorgaben haben, um Risiken realistisch bewerten und wirksame Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.“ Die Verfügbarkeit von Leistungs- und Geodaten schaffe zwar Vertrauen, müsse aber so gestaltet sein, dass operative Angriffsflächen vermieden würden. Zudem brauche es einen institutionalisierten Austausch zwischen Unternehmen, Politik und Behörden bis hin zum Nationalen Sicherheitsrat, um ein gemeinsames Lagebild und schnellen Informationsfluss sicherzustellen.
Liebing ergänzte die Forderungen mit einem klaren Appell an die staatliche Verantwortung: „Stadtwerke sind nicht die Polizei. Die Abwehr von Terrorangriffen bleibt Aufgabe von Bund und Ländern.“ Ohne starke kommunale und regionale Strukturen bleibe jede Strategie Stückwerk, hundertprozentige Sicherheit könne es nicht geben. Deshalb brauche es eindeutige politische Prioritäten, schnellere Verfahren und eine verlässliche Finanzierung. Liebing regte darüber hinaus an, der Bund solle eine nationale Notfallreserve aufbauen – unter anderem mit mobilen Großaggregaten zur Wiederherstellung von Inselnetzstrukturen, um die Energieversorgung idealerweise innerhalb von 24 Stunden wieder in Gang zu bringen.
Der erste KRITIS-Gipfel markiert damit den Versuch beider Verbände, den Schutz der Versorgungsinfrastruktur aus der Nische der Fachdebatten in die politische Prioritätenliste zu heben. Ob die Forderungen nach einem Resilienzfonds und einer Neubewertung der Transparenzregeln in der neuen Legislaturperiode Gehör finden, wird sich zeigen. Die Dringlichkeit jedenfalls, das machten alle Beteiligten in Berlin deutlich, duldet keinen Aufschub.










