Symbolbild

Bei vielen Entscheidungen auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene spielt die Komponente Zeit eine maßgebliche Rolle. Auf Länderebene beeinflussen beispielsweise zeitliche Parameter den Umgang mit der Staatsverschuldung, im individuellen Bereich die Haltung zum Sparen. Einstellungen und Vorlieben in Bezug auf Zeit sind in Ländern und Kulturen unterschiedlich ausgeprägt. Prof. Dr. Marc Oliver Rieger (Universität Trier), Prof. Dr. Mei Wang (WHU – Otto Beisheim School of Management) und Prof. Dr. Thorsten Hens (Universität Zürich) haben eine neue Methode zur Ermittlung eines länderspezifischen Zeitpräferenz-Faktors entwickelt, der auch valide internationale Vergleiche ermöglicht.

Der Trierer Wirtschaftswissenschaftler Marc Oliver Rieger erklärt das Phänomen und die Tragweite unterschiedlicher zeitlicher Präferenzen am Beispiel der europäischen Finanzkrise. „Tendenziell sind südeuropäische Länder stärker auf die Gegenwart fokussiert. Sie haben daher eine größere Bereitschaft, aktuelle Probleme durch eine höhere Schuldenaufnahme zu lösen, die sich erst in Zukunft nachteilig auswirkt. Andere Länder versuchen Verschuldung zu vermeiden, um daraus resultierende spätere Belastungen durch Schuldenabbau zu minimieren.“

Wegen der hohen Relevanz zeitlicher Präferenzen in vielen Bereichen des staatlichen und privaten Handelns beschäftigt sich die Wissenschaft schon länger mit diesem Phänomen. In mehreren Disziplinen – von der Ökonomik bis zur Soziologie – sind Wissenschaftler den Effekten zeitlicher Präferenzen nachgegangen. Da hierbei verschiedene Methoden angewandt wurden, fehlte es bislang an einem gemeinsamen und Methoden-unabhängigen Faktor zur Beschreibung zeitlicher Präferenzen.

Hier setzten Marc Oliver Rieger, Mei Wang und Thorsten Hens an. Sie werteten die Daten aus mehreren groß angelegten internationalen Studien aus verschiedenen Disziplinen neu aus. Tatsächlich gelang es ihnen, mit geeigneten statistischen Verfahren einen übereinstimmenden Faktor zu ermitteln. Das neue Konzept überprüften und validierten sie für verschiedene Handlungsfelder und für 117 Länder und Regionen.
Damit liegt nun ein Instrument vor, mit dessen Hilfe Ländern und Kulturen ein Zeitpräferenzwert zugewiesen werden kann. Auf Basis dieses „zeitlichen Fingerabdrucks“ lassen sich länderspezifische Aussagen und Prognosen zu unterschiedlichen Parametern wie Kreditwürdigkeit (Verschuldung), Benzinpreis-Entwicklung (als Steuerungsinstrument für Umweltschutz) bis hin zu Bildungsfragen (langwieriges Studium oder schneller Jobeinstieg) treffen. Die Identifikation des „zeitlichen Fingerabdrucks“ erleichtert auch die internationale Vergleichbarkeit.

Dank des neuen Ansatzes können vorliegende Studien im Hinblick auf zeitliche Präferenzen neu ausgewertet werden. Zugleich wird für künftige Untersuchungen eine geeignete Methodik bereitgestellt. Damit steht der Forschung der im Rahmen der Studie entstandene neue Datensatz für beinahe 120 Länder und Regionen zur Verfügung.

Originalpublikation: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0245692

Vorheriger ArtikelIAB-Stellenerhebung für das vierte Quartal 2020: 1,18 Millionen offene Stellen
Nächster ArtikelVereinssport im Lockdown: Kein Training für 7,3 Millionen Kinder und Jugendliche

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte kommentieren sie.
Bitte geben sie ihren Namen ein.