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Es war einer dieser Abende, an denen man sich im Publikum unweigerlich fragte, wer eigentlich noch alles im Saal hätte sitzen sollen. Besonders Eltern jüngerer Kinder und Jugendlicher hätten aus den Ausführungen von Ahmad Mansour einiges mitnehmen können. Denn was der Psychologe und Extremismusexperte am Dienstagabend im Homburger Siebenpfeifferhaus über soziale Medien, schwindende Empathie und die Radikalisierung junger Menschen berichtete, ging weit über eine gewöhnliche Buchvorstellung hinaus. Gleichzeitig wurde es ein Abend über die Demokratie selbst – und darüber, weshalb eine freie Gesellschaft den Widerspruch nicht nur zulassen, sondern manchmal geradezu suchen muss.

Mit seinem neuen Buch „Haltung ohne Hass – Eine Aufforderung“ war Ahmad Mansour im Rahmen der HomBuch 26 nach Homburg gekommen. Die Veranstaltung war bereits im Vorfeld ausverkauft. Doch wer eine klassische Lesung erwartet hatte, erlebte vielmehr ein intensives Gespräch über gesellschaftliche Entwicklungen, persönliche Erfahrungen und die Frage, wie Menschen für extremistische Ideologien empfänglich werden. Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder eine Erkenntnis: Radikalisierung beginnt häufig nicht mit einer gefestigten politischen Überzeugung, sondern mit persönlichen Krisen, dem Wunsch nach Anerkennung und der Suche nach Zugehörigkeit.

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Mansour weiß, wovon er spricht. Der arabische Israeli mit deutscher Staatsangehörigkeit, der heute als Diplompsychologe in der Extremismusprävention arbeitet, gehörte als Jugendlicher selbst einer islamistischen Gruppierung an. Seine persönliche Geschichte stellte er an den Anfang des Abends. Er berichtete von einer Kindheit in einfachen Verhältnissen, hohen schulischen Erwartungen und einer Zeit, in der er sich zunehmend ausgegrenzt fühlte. Seine Eltern und Lehrer hätten damals nicht erkannt, wie sehr er auf der Suche nach Orientierung gewesen sei. Ein Imam aus der Nachbarschaft dagegen habe seine Situation bemerkt, sich ihm zugewandt und allmählich eine Art Vaterrolle übernommen.

Was zunächst wie Hilfe aussah, führte ihn schließlich in eine radikale religiöse Gemeinschaft. Dort fand er junge Menschen, die ihn akzeptierten, ihm Aufmerksamkeit schenkten und das Gefühl vermittelten, Teil von etwas Besonderem zu sein. „Ich habe eine Identität bekommen und konnte mich von meinen Eltern abgrenzen, aber auch von allen anderen“, erinnerte sich Mansour. Aus dem Jugendlichen, der nach Anerkennung suchte, wurde jemand, der sich einer vermeintlichen Elite zugehörig fühlte. Rückblickend beschrieb er, wie aus religiösen Gesprächen zunehmend politische Ideologie wurde. Besonders bemerkenswert war dabei seine damalige Selbstwahrnehmung: „Und zu keiner Sekunde habe ich in diesen 5-6 Jahren gedacht, dass ich radikal bin.“

Gerade diese Schilderung machte deutlich, wie unauffällig ein solcher Prozess für die Betroffenen selbst verlaufen kann. Mansour fühlte sich nicht manipuliert oder bedroht, sondern angekommen. Erst sein späteres Studium in Tel Aviv brachte seine Überzeugungen ins Wanken. Dort begegnete er jüdischen Mitstudenten, die so gar nicht zu dem Feindbild passten, mit dem er aufgewachsen war. Aus Menschen, die er zunächst als Gegner betrachtet hatte, wurden Freunde. Neue wissenschaftliche und philosophische Texte eröffneten ihm andere Perspektiven. Der Ausstieg aus seinem bisherigen Umfeld war dennoch ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, verbunden mit sozialem Druck und dem Verlust vertrauter Beziehungen. Letztlich waren es persönliche Begegnungen und Menschen, die ihm Unterstützung boten, die diesen Weg möglich machten.

Damit schlug Mansour einen Bogen in die Gegenwart. Denn viele der Mechanismen, die er aus seiner eigenen Jugend kennt, begegnen ihm heute in seiner Arbeit mit radikalisierten jungen Menschen wieder. Allerdings haben sich die Bedingungen grundlegend verändert. Wo früher ein Imam oder eine kleine Gruppe über einen längeren Zeitraum Einfluss ausübten, können extremistische Akteure heute über soziale Netzwerke innerhalb kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen. Besonders TikTok und die Mechanismen algorithmisch gesteuerter Inhalte sieht Mansour als erhebliche Gefahr. Die Plattformen verbreiteten nicht nur Unterhaltung, sondern könnten Menschen immer tiefer in abgeschlossene Weltbilder führen.

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Seine Warnung fiel entsprechend drastisch aus. „Die sozialen Medien sind Massenvernichtungswaffen. Und sie werden Demokratie zersetzen“, sagte Mansour. Eine bewusst zugespitzte Formulierung, mit der er auf die aus seiner Sicht verheerenden gesellschaftlichen Folgen aufmerksam machen wollte. Dabei beschränkte er seine Kritik keineswegs auf islamistische Propaganda. Auch rechts- und linksextreme Akteure profitierten nach seiner Einschätzung von Plattformen, deren Algorithmen besonders emotionalisierende und polarisierende Inhalte begünstigten. Die Geschwindigkeit, mit der sich junge Menschen heute radikalisieren könnten, habe dadurch eine neue Dimension erreicht.

Besonders eindringlich wurde der Abend dort, wo Mansour die Auswirkungen der digitalen Welt auf den Alltag von Kindern und Familien beschrieb. Er zeichnete das Bild eines Restaurantbesuchs vor 15 Jahren: Kinder, die sich langweilten, zwischen Tischen herumliefen und dabei ganz nebenbei beobachteten, wie Erwachsene miteinander sprachen, stritten oder auf andere Menschen reagierten. Heute dagegen säßen viele Kinder mit Smartphones, Tablets oder Kopfhörern am Tisch. Körperlich seien sie anwesend, emotional aber häufig in einer ganz anderen Welt.

Mansours Sorge gilt dabei nicht allein problematischen Inhalten. Schon die Zeit, die Kinder und Jugendliche täglich vor Bildschirmen verbringen, fehle an anderer Stelle. „Sie fehlen in Bewegung, sie fehlen im Schlaf, und sie fehlen in Treffen, Begegnungen mit Menschen von Angesicht zu Angesicht“, erklärte er mit Blick auf mehrere Stunden täglicher Mediennutzung. Gerade im persönlichen Miteinander entwickelten junge Menschen wichtige soziale Fähigkeiten. Empathie entstehe nicht dadurch, dass man anderen ausschließlich auf einem Bildschirm begegne, sondern durch echte Erfahrungen, Gespräche und Konflikte.

Eine Verantwortung sieht Mansour deshalb besonders bei den Eltern, aber ebenso bei Schulen und Politik. Er sprach offen darüber, wie schwierig es selbst in seiner eigenen Familie sei, dem Druck rund um das erste Smartphone standzuhalten. Wenn beinahe alle anderen Kinder bereits ein eigenes Gerät besäßen, werde die Entscheidung für Eltern zunehmend kompliziert. Gleichzeitig könne die Lösung nicht darin bestehen, sämtliche gesellschaftlichen Probleme einfach an Schulen weiterzureichen. Vielmehr müsse grundsätzlich darüber nachgedacht werden, welche Fähigkeiten Schule im Jahr 2026 vermitteln solle. Konfliktlösung, Empathie und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, müssten nach seiner Auffassung einen größeren Stellenwert bekommen.

Genau an diesem Punkt führte der Abend zurück zu Mansours eigentlichem Anliegen: dem Zustand der demokratischen Debattenkultur. Wer sich in sozialen Medien bewege, bekomme häufig vor allem das zu sehen, was die eigenen Überzeugungen bestätige. Andere Sichtweisen verschwänden zunehmend aus dem persönlichen Blickfeld. Mansour beschrieb eine Gesellschaft, in der komplizierte Fragen immer häufiger auf einfache Gegensätze reduziert würden. Gut oder böse, richtig oder falsch, dafür oder dagegen – Zwischentöne hätten es immer schwerer.

Als Beispiele nannte er die Debatten über Migration, Corona, Klimapolitik und den Nahostkonflikt. Immer häufiger werde nicht mehr über Argumente gestritten, sondern über die moralische Bewertung des Gegenübers. Wer eine andere Haltung vertrete, werde schnell grundsätzlich infrage gestellt. Für Mansour ist genau das eine gefährliche Entwicklung. „Demokratie ist aushalten von unterschiedlicher Meinung“, sagte er. Eine Gesellschaft müsse lernen, Widersprüche zu ertragen und Menschen mit anderen Überzeugungen nicht automatisch aus dem Gespräch auszuschließen.

Dabei machte er deutlich, dass demokratischer Streit nicht bedeute, jede Aussage unwidersprochen stehen zu lassen. Vielmehr gehe es darum, problematischen Positionen mit Argumenten, Fakten und einer klaren Haltung zu begegnen. Schweigen oder Ausgrenzung seien nicht automatisch die bessere Antwort. Als Beispiel schilderte er seine Arbeit an Schulen, in denen Verantwortliche mitunter möglichst vermeiden wollten, kontroverse Themen offen anzusprechen. Dabei sei gerade das Gespräch entscheidend, um Vorurteile sichtbar zu machen und ihnen etwas entgegenzusetzen.

„Wenn wir wirklich unserer Demokratie was Gutes tun wollen, dann brauchen wir viel mehr Orte, wo wir Andersdenkenden begegnen“, forderte Mansour. Es brauche Räume, in denen unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen dürften, ohne dass aus einem Streit sofort persönliche Feindschaft werde. Das gelte nicht nur für politische Veranstaltungen oder Diskussionen in den Medien, sondern insbesondere für Schulen und den Alltag junger Menschen.

Wie ernst ihm dieses Anliegen ist, wurde auch in einem Interview deutlich, das Mansour am Rande seines Homburger Auftritts dem Saarländischen Rundfunk gab. Darin sprach er über die Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst aufgrund seiner öffentlichen Positionen ausgesetzt ist. Dass Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht mit Argumenten, sondern mit Einschüchterung auf andere Meinungen reagieren, bezeichnete er als grundlegendes Problem. Seine eigene Haltung richte sich deshalb gerade gegen jene Kräfte, die den freien Meinungsaustausch verhindern wollten.

Auch im Gespräch mit dem SR unterstrich Mansour, dass Demokratie nicht allein aus der eigenen Überzeugung heraus verteidigt werden könne. Wer sich ausschließlich im Kreis Gleichgesinnter bewege, verliere die Fähigkeit, mit anderen Positionen umzugehen. Demokratie verlange vielmehr die Bereitschaft, unbequeme Begegnungen auszuhalten, Fakten zu prüfen und Konflikte offen auszutragen. Es war eine Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch seinen gesamten Homburger Auftritt zog.

Dass Mansour dabei nicht nur theoretisch argumentierte, machte den Abend besonders eindringlich. Seine eigene Lebensgeschichte zeigte, wie stark das Bedürfnis nach Zugehörigkeit einen jungen Menschen beeinflussen kann. Sein späterer Ausstieg wiederum verdeutlichte, wie wichtig persönliche Begegnungen, neue Perspektiven und Menschen sind, die einen solchen Prozess begleiten. Genau diesen Ansatz verfolgt Mansour heute mit seiner Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention. In Schulen arbeiten seine Mitarbeiter unter anderem mit theaterpädagogischen Methoden, um Jugendliche für Radikalisierungsmechanismen zu sensibilisieren und ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken. Bei bereits radikalisierten Menschen sei die Arbeit deutlich langwieriger und könne sich über Jahre erstrecken.

Es war ein Abend, der viele Fragen aufwarf und längst nicht nur Antworten lieferte, die jeder teilen muss. Gerade darin lag allerdings seine Stärke. Mansour forderte keine Gesellschaft, in der alle derselben Meinung sind. Er warb für eine, in der Menschen wieder lernen, unterschiedliche Ansichten auszuhalten, ohne den Respekt voreinander zu verlieren. Seine deutlichen Warnungen vor sozialen Medien und deren Einfluss auf Kinder und Jugendliche hätten dabei besonders für junge Eltern reichlich Gesprächsstoff geboten.

Für die HomBuch 26 war der zweite Veranstaltungsabend damit ein bemerkenswerter Kontrast zum musikalisch-unterhaltsamen Auftakt am Montag. Im Siebenpfeifferhaus wurde nicht nur über ein Buch gesprochen, sondern über Fragen, die Schulen, Familien und die gesamte Gesellschaft beschäftigen. Und vielleicht blieb von diesem Abend vor allem eine Erkenntnis hängen: Demokratie lebt nicht davon, dass wir uns gegenseitig recht geben. Sondern davon, dass wir miteinander im Gespräch bleiben – gerade dann, wenn es schwierig wird.

Alle Bilder: Daniel von Hofen

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