Symbolbild

Unternehmensgründer stehen vor der schwierigen Entscheidung, wie viel Eigen- und wie viel Fremdkapital sie zur Unternehmensfinanzierung einbringen. Unsicherheiten können sie reduzieren, indem sie sich an den Kapitalstrukturen von etablierten Wettbewerbern orientieren, die sie den veröffentlichten Bilanzen entnehmen können. Zu diesem Schluss kommt Prof. Dr. Devrimi Kaya von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit Kollegen der University of Washington nach einer empirischen Analyse, in die Daten von zehntausenden Unternehmen aus vier europäischen Ländern eingingen.

Kapitalgesellschaften in Europa sind verpflichtet, ihre Jahresabschlüsse offenzulegen. Mehrere Hunderttausend Unternehmen in Deutschland reichen jährlich ihre Jahresabschlüsse zentral beim Bundesanzeiger ein. Die erhöhte Markttransparenz durch die Offenlegung ist insbesondere für Unternehmensgründer von großem Nutzen, welche die Bilanzen etablierter Wettbewerber für Benchmarking und Branchenvergleiche heranziehen können.

„Welche Kapitalstruktur man für das eigene Unternehmen wählt, ist eine weitreichende unternehmerische Entscheidung“, erklärt Devrimi Kaya. „Wer beispielsweise mit 80 Prozent Fremdkapital sein Unternehmen gründet, während der Industrieschnitt von Wettbewerbern bei 65 Prozent liegt, läuft Gefahr, in Krisenzeiten Insolvenz zu beantragen oder von etablierten Konkurrenten durch strategische Preisanpassungen aus dem Markt verdrängt zu werden.“ Erschwerend für Unternehmensgründer ist, dass Kapitalstrukturen im Mittelstand im Zeitverlauf recht konstant sind und nicht flexibel angepasst werden können.

Die Wirtschaftswissenschaftler untersuchten die Kapitalstruktur von neu gegründeten und etablierten Unternehmen vor und nach einer Gesetzesänderung, welche in Deutschland die Pflicht zur Bilanzveröffentlichung strikt umsetzt. Nach der Gesetzesänderung glichen sich die Kapitalstrukturen von neuen und etablierten Firmen innerhalb gleicher Industrien und Regionen in Deutschland stärker an als vorher. Dieser sogenannte Mimicking- oder Nachahmungseffekt war in anderen europäischen Ländern nicht zu finden. Ein Hinweis, dass deutsche Gründer die veröffentlichten Jahresabschlüsse nutzten, um sich an der Kapitalstruktur von bestehenden Unternehmen zu orientieren.

In Zusatzanalysen zeigten die Wissenschaftler, dass sich Unternehmensgründer ausschließlich an größeren und nicht an kleineren Wettbewerbern orientieren. Die Nachahmungseffekte sind stärker, wenn mehr detaillierte Informationen zur Kapitalstruktur von Wettbewerbern in den Bilanzen verfügbar sind. Die Studie verdeutlicht, wie sich Regulierung und Unternehmenstransparenz auf unternehmerische Entscheidungen auswirken. „Das Interesse an veröffentlichten Bilanzen ist enorm“, so Devrimi Kaya. „Zahlen des Bundesanzeigers aus dem Jahr 2012 zeigen, dass täglich rund 116.000 Jahresabschlüsse abgerufen wurden; auf das Jahr gerechnet sind das gut 42 Millionen Abrufe. Tendenz steigend.”

Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift „Journal of Accounting and Economics“ vom 17. November 2020 veröffentlicht. Originalpublikation: Darren Bernard, Devrimi Kaya, John Wertz: Entry and capital structure mimicking in concentrated markets: the role of incumbents’ financial disclosures, in: Journal of Accounting and Economics, 2020, DOI: 10.1016/j.jacceco.2020.101379

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