Doch auch für die Kinder mit Migrationshintergrund, die eine Kindertageseinrichtung besuchen, gibt es beim Spracherwerb im Spiel oder durch Nachahmung häufig Einschränkungen: Denn in etwa jeder fünften Einrichtung (19 Prozent) waren Kinder mit Migrationshintergrund im Jahr 2018 in der Mehrheit (mindestens 50 Prozent), so dass sie dort weniger Kontakt zu Gleichaltrigen haben, die vorwiegend Deutsch sprechen. Und fast jedes zweite Kita-Kind mit Migrationshintergrund (46 Prozent) besucht eine dieser Einrichtungen, wobei es in den westdeutschen Ländern und in Berlin deutlich mehr Kinder sind als in Ostdeutschland – und in den meisten Ballungsräumen mehr als auf dem Land.
Die schlechteren Startchancen für Kinder mit Migrationshintergrund setzen sich beim Übertritt von der Grundschule ans Gymnasium fort: 11- und 12-Jährige mit Migrationshintergrund waren im Jahr 2017 seltener an Gymnasien vertreten als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Doch der Anteil steigt von Generation zu Generation: Während 22 Prozent der selbst zugewanderten, ersten Migrationsgeneration ein Gymnasium besuchten, waren es in der zweiten und dritten bereits 35 Prozent im Vergleich zu mehr als 40 Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund. Bei den 11- und 12-Jährigen der zweiten Migrationsgeneration zeigen sich Unterschiede je nachdem, ob beide Eltern nach Deutschland zugewandert sind oder nur ein Elternteil: „Jugendliche mit nur einem ausländischen Elternteil nähern sich Jugendlichen der dritten Migrationsgeneration an und Jugendliche mit zwei ausländischen Elternteilen, sind eher mit der ersten Migrationsgeneration zu vergleichen“, erklärt Dr. Susanne Lochner, die den Kinder- und Jugendmigrationsreport zusammen mit sieben Sozialwissenschaftlerinnen und wissenschaftlern des DJI und des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund erstellt hat.
Bei den Schulabschlüssen der 18- bis unter 25-Jährigen mit Migrationshintergrund zeigt sich ebenfalls ein positiver Trend: So haben im Jahr 2017 junge Erwachsene der zweiten und dritten Generation viel seltener die Schule ohne Abschluss verlassen (4 Prozent) als die der ersten Migrationsgeneration (13 Prozent), aber immer noch häufiger als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Migrationshintergrund (2 Prozent). Gleichzeitig haben Migrantinnen und Migranten der ersten Generation häufiger eine (fachgebundene) Hochschulreife erworben (41 Prozent) als die der zweiten und dritten Generation (37 Prozent), aber seltener als junge Erwachsene ohne Migrationshintergrund (48 Prozent). „Es gibt empirische Hinweise darauf, dass junge Erwachsene mit Hochschulreife größtenteils erst zum Arbeiten oder Studieren nach Deutschland gekommen sind und somit in einem anderen Land die Schule abgeschlossen haben“, erklärt Susanne Lochner. „Je nach Herkunftsland verfügen Neuzugewanderte über ganz unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen“.

Dass Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation an verschiedenen Stellen des Bildungssystems, etwa bei den Schulabschlüssen und beim Übertritt ans Gymnasium immer noch schlechter abschneiden als Menschen ohne Migrationshintergrund, lässt sich in erster Linie auf nachteilige familiäre Herkunftsmerkmale zurückführen, beispielsweise niedrigere Bildungsabschlüsse der Eltern, eine andere Familiensprache als Deutsch und eine schlechtere finanzielle Lage der Familie. Der Migrationshintergrund selbst ist also oft gar nicht der ausschlaggebende Faktor; das belegen zahlreiche Studien, die dem Migrationsreport vorangegangen sind. „Allerdings wachsen junge Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig mit diesen Rahmenbedingungen auf“, unterstreicht Susanne Lochner und fordert: „Um ihnen gleichwertige Chancen in Bezug auf Bildung, Teilhabe und Lebensverhältnisse zu gewähren, sind mehr politische Maßnahmen gefragt, die unabhängig von der nationalen Herkunft auf einen Ausgleich familiärer Risikolagen abzielen“.
Originalpublikation: Deutsches Jugendinstitut – DJI (Hg.)
DJI-Kinder- und Jugendmigrationsreport 2020
Datenanalyse zur Situation junger Menschen in Deutschland
wbv Media, Bielefeld 2020, 272 Seiten
www.dji.de/themen/migrationsreport2020







