Ein paar Tage lang war St. Ingbert Labor und Lernort zugleich: Eine Gruppe Studierender der Agrarwissenschaften aus Göttingen hat sich in der Stadt umgesehen, Gespräche geführt und Eindrücke gesammelt. Im Rahmen eines Forschungs- und Exkursionsprojekts wollten sie herausfinden, was das Leben in einer Mittelstadt im ländlich geprägten Raum lebenswert macht – und wie sich Wandel vor Ort zeigt.
Der Besuch gehört zum Modul „Raus aufs Land“, das an der Universität Göttingen angeboten wird und Teil eines größeren Bundesprojekts ist. Im Fokus steht die Entwicklung von Städten im ländlichen Raum und die Frage, welche Faktoren die Lebensqualität dort prägen. Für die aktuelle Exkursion war ursprünglich die Biosphäre Bliesgau als Ziel vorgesehen. St. Ingbert rückte eher zufällig in den Blick, erwies sich nach Einschätzung der Beteiligten aber schnell als besonders geeignetes Untersuchungsfeld.
Zum Auftakt wurden die Studierenden im St. Ingberter Rathaus empfangen. Oberbürgermeister Dr. Ulli Meyer gab einen Überblick über die Wohnraumsituation und die städtebauliche Entwicklung. „St. Ingbert gilt nicht nur aufgrund der Nähe zur Universität des Saarlandes als lebenswerte Stadt. Wir verfügen über zukunftsfähige Arbeitsplätze in Forschung und Industrie und der soziale Zusammenhalt wird durch ein reges Vereinsleben gestärkt“, erklärte Meyer. Den „Blick von außen“ auf die eigene Stadt begrüßte er ausdrücklich, denn dieser biete Anlass zur Reflexion.
Vor Ort gingen die Studierenden der Frage nach, was St. Ingbert für die Menschen, die hier leben, ausmacht. In Gesprächen und Beobachtungen zeigte sich nach ihrer Darstellung, dass viele Einwohner ihre Stadt schätzen und sich aktiv einbringen – etwa in Vereinen, im Ehrenamt oder in lokalen Initiativen. Trotz der Herausforderungen des Strukturwandels nahmen sie eine insgesamt positive und optimistische Grundstimmung wahr.
Die wissenschaftliche Begleitung der Exkursion hob hervor, dass sich in St. Ingbert Geschichte und Wandel auf engem Raum ablesen lassen. Die Stadt vereine eine industrielle Prägung und wirtschaftliche Veränderungen mit naturnahen Qualitäten und einer ausgebauten sozialen Infrastruktur. Als prägend wurden unter anderem die Mischung aus Industrie und Natur sowie das vielfältige Vereinsleben genannt. So lasse sich beobachten, wie eine ehemals stark industriell geprägte Stadt neue Wege sucht und gleichzeitig vorhandene Stärken nutzt.
Das Projekt der Göttinger Studierenden ist Teil einer Reihe von Untersuchungen in verschiedenen Regionen Deutschlands. Bisherige Stationen waren unter anderem die Uckermark, das Emsland und das Mansfelder Land. Durch den Vergleich dieser Regionen sollen Muster und Erfolgsfaktoren für die Entwicklung von Städten im ländlichen Raum besser verstanden werden – etwa, welche Rolle Engagement, Identität oder wirtschaftliche Perspektiven spielen.
Begleitet wurde die Exkursion von Prof. Dr. Claudia Neu, Inhaberin des Lehrstuhls „Soziologie ländlicher Räume“ an der Universität Göttingen und der Universität Kassel (Standort Witzenhausen), sowie von Dr. Marc Weiland, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Beide zeigten sich besonders von der Stimmung in St. Ingbert beeindruckt. Trotz anstehender Veränderungen sei die Haltung vieler Menschen optimistisch und von dem Vertrauen geprägt, Herausforderungen gemeinsam bewältigen zu können. Prof. Dr. Claudia Neu fasste diese Wahrnehmung sinngemäß zusammen: „Das wird nicht leicht, aber wir schaffen das.“
Im Rathaus kam es zudem zu einem Austausch über Strukturwandel, Identität und Engagement in St. Ingbert. Vertreter der Stadtverwaltung und des Projektteams Alte Baumwollspinnerei schilderten, wie sich die Stadt auf künftige Entwicklungen vorbereitet und welche Rolle bürgerschaftliches Engagement dabei spielt. Für die Studierenden bot der Besuch damit nicht nur theoretische Einblicke, sondern auch konkrete Beispiele dafür, wie eine Stadt im ländlichen Raum mit Veränderung umgeht.



















