Während die Zahl der neuen Ausbildungsverträge bundesweit über alle Bereiche hinweg sinkt, setzen die Freien Berufe einen bemerkenswerten Gegenakzent. Zum Stichtag 30. Juni 2026 zählten die zuständigen Kammern 25.825 neu geschlossene Verträge – ein Zuwachs von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Bundesverband der Freien Berufe (BFB) deutet diese Entwicklung als deutliches Zeichen dafür, dass junge Menschen bereit sind, früh Verantwortung zu übernehmen.
Gerade Berufe wie Medizinische Fachangestellte oder Rechtsanwaltsfachangestellte ziehen weiterhin viele Nachwuchskräfte an. Für Peter Klotzki, den Hauptgeschäftsführer des BFB, steht fest, worin der Reiz liegt: „Wer früh Verantwortung übernehmen will, findet bei den Freien Berufen eine Perspektive fürs Leben“, sagt er. „Diese Bereitschaft ist ein starkes Signal für unser Gemeinwohl.“
Bemerkenswert ist der Trend vor allem im Vergleich mit der übrigen Ausbildungslandschaft. Erst am 6. August meldete das Statistische Bundesamt für das Jahr 2025 einen Rückgang von 2,8 Prozent über sämtliche Ausbildungsbereiche hinweg. Dass die Freien Berufe – von Ärzten über Anwältinnen bis zu Ingenieuren, Architektinnen und Psychotherapeuten – trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen weiter kräftig ausbilden, wertet der Verband als Vertrauensbeweis.
Damit dieser Aufwärtstrend nicht abreißt, pocht der BFB auf verlässliche Bedingungen für die ausbildenden Betriebe. „Die berufliche Bildung muss gestärkt und aufgewertet werden“, fordert Klotzki. Sie brauche echte Wertschätzung und eine finanzielle Förderung, die mit jener der akademischen Ausbildung vergleichbar sei. Als positives Beispiel nennt er die 2024 gestartete Pilotförderung für begabte Auszubildende und Fachkräfte innerhalb der Begabtenförderungswerke.
Doch genau dieses Programm steht auf der Kippe. Der im Herbst 2026 startende Stipendiatenjahrgang könnte nach derzeitigem Stand der letzte sein – für Klotzki ein fatales Signal. „Programme wie diese waren längst überfällig. Sie zu erhalten und auszubauen ist das Mindeste für eine starke Berufsbildung in Deutschland.“ Der Verband dringt darauf, die Förderung von Auszubildenden in den bislang studiengebundenen Förderwerken dauerhaft zu verankern.
Ein weiteres Hindernis sieht der BFB beim Wohnraum: Vielerorts fehlt es an bezahlbaren Unterkünften für den Nachwuchs. Azubiwohnheime, wie eines gerade in Berlin entsteht, könnten hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Bund und Länder seien gefragt, tragfähige Lösungen zu finden.
Der Fachkräftemangel bleibt spürbar, der Wettbewerb um junge Talente verschärft sich. „Wer den Fachkräftemangel ernsthaft bekämpfen will, muss jetzt handeln: mit weniger Bürokratie, mehr Berufsorientierung an Schulen und einer auskömmlichen Finanzierung der beruflichen Bildung“, mahnt Klotzki. Der Verband wirbt zudem für die gezielte Gewinnung junger Menschen aus dem Ausland, eine Modernisierung der Ausbildungsberufe und mehr digitale Kompetenzen an beruflichen Schulen.
Die Botschaft des BFB an die Politik ist unmissverständlich. „Die steigenden Zahlen zeigen: Immer mehr junge Menschen sind bereit, bei den Freien Berufen Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen“, so Klotzki. „Jetzt muss die Politik diese Bereitschaft mit verlässlichen Rahmenbedingungen beantworten.“ Die rund 1,49 Millionen selbstständigen Freiberuflerinnen und Freiberufler beschäftigen bundesweit knapp 4,8 Millionen Menschen, darunter fast 129.000 Auszubildende.





















