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Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Wertschöpfungsketten zwischen Deutschland und China aus und welche Folgen haben Kontaktbeschränkungen und das Homeoffice für die Entwicklung regionaler Arbeitsmärkte in beiden Ländern? Diese Fragestellungen stehen im Fokus eines auf drei Jahre angelegten Forschungsprojektes unter Leitung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Gefördert wird es von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die eine Initiative zur fachübergreifenden Erforschung von Epidemien und Pandemien anlässlich des Ausbruchs von Sars-CoV-2 gestartet hatte.

Große Krisen wirken sich unterschiedlich auf regionale Ökonomien aus. Das liegt zum einen an der Verschiedenartigkeit der Ereignisse, aber auch an der jeweiligen regionalen Wirtschaftsstruktur, an den Erfahrungen im Umgang mit früheren Krisen und den differenzierten politischen Maßnahmen auf nationaler und regionaler Ebene. Auch die Auswirkungen der aktuellen Sars-CoV-2-Pandemie unterscheiden sich über Länder und Regionen hinweg. Das Hauptziel des neuen Forschungsprojekts besteht darin, zu untersuchen, welche Folgen diese komplexe Situation für die regionale Resilienz und die regionalen Unterschiede in China und Deutschland hat. „Vorliegende Studien liefern nur sehr begrenzte Erkenntnisse über die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemien und die existierenden Befunde sind häufig nicht auf die Covid-19-Krise übertragbar“, erklärt Co-Projektleiterin Professorin Annekatrin Niebuhr, die an der CAU und am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit tätig ist. Die Rahmenbedingungen in Bezug auf Globalisierung, Informations- und Kommunikationstechnik und die Mobilität von Personen und Gütern unterscheiden sich erheblich von denen früherer Pandemien.

Aufweichung von Standortvorteilen vermutet

„Erste Analysen deuten auf zwei bemerkenswerte Effekte von Covid-19 hin: Erstens schränken Eindämmungsmaßnahmen die Mobilität und den persönlichen Austausch ein. Damit reduzieren sie klassische Agglomerationsvorteile und insbesondere Lernmöglichkeiten, die vor allem ein urbanes Umfeld bietet“, beschreibt Co-Projektleiter Professor Robert Hassink vom Geographischen Institut der CAU den Ansatz. Agglomerationsvorteile sind Standortvorteile, die sich durch die räumliche Ballung von Personen und wirtschaftlichen Aktivitäten ergeben. Dazu gehören beispielsweise eine gute Infrastrukturausstattung und ein großer regionaler Absatzmarkt. Arbeitskräfte können vor allem von Lerneffekten in großen Städten profitieren. „Zweitens werden gleichzeitig globale Produktionsnetzwerke massiv gestört, was zu einer stärkeren Regionalisierung der Wertschöpfungsketten führen kann, ohne dass in gleichen Maße wie bislang Agglomerationsvorteile genutzt werden können“, so Hassink.

„Durch die Kontaktbeschränkungen gibt es weniger face-to-face-Treffen. Doch Menschen lernen häufig durch Nachahmung und den informellen Austausch von Wissen“, ergänzt Niebuhr. Im Projekt soll untersucht werden, ob es einen messbaren Effekt der Kontaktbeschränkungen auf diese Lerneffekte und die Produktivität von Arbeitskräften gibt. Stellen sich hier anhaltende Verhaltensänderungen ein und finden persönliche Gespräche in Zukunft seltener statt? Werden diese Formen des Lernens nach der Pandemie durch andere Arten des Wissensaustausches ersetzt? Diese Fragestellungen sollen mit quantitativen und qualitativen Methoden im Forschungsprojekt untersucht werden.

Im Fokus: Unternehmen und Beschäftigte

„Zuerst verschaffen wir uns einen Überblick über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in China und Deutschland, um die Wirtschaftsbereiche und Regionen zu identifizieren, die wir im Rahmen qualitativer Analysen eingehender untersuchen wollen“, beschreibt Professor Robert Hassink das Studiendesign. Es seien Interviews mit Betriebsleitungen und mit Beschäftigten geplant. „Hier ist es für uns von Vorteil, zwei chinesische Muttersprachler im Team zu haben.“ Die Mercator-Fellows Professor Canfei He von der Universität Peking in China und Dr. Huiwen Gong von der Eawag des ETH-Bereichs in der Schweiz sollen unter anderem die quantitativen Analysen der chinesischen Regionen und die Interviews in China durchführen.

Über den Förderungszeitraum von drei Jahren sollen bis 2024 auch die Auswirkungen von Politikentscheidungen auf internationale Produktionsnetzwerke und damit die Standorte von Produktionsaktivitäten in China und Deutschland untersucht werden. Wird beispielsweise eine Fabrik für Mund-Nasen-Masken und weitere medizinische Ausstattung in Deutschland oder Europa aufgebaut, um für zukünftige Pandemien gewappnet zu sein, hat das Auswirkungen auf die Entwicklung regionaler Arbeitsmärkte in China. Durch die Corona-Pandemie und die daraus folgenden politischen Entscheidungen können folglich ganze internationale Wertschöpfungsketten beeinflusst werden. Deshalb ist ein Ziel des Projektes, politikrelevante empirische Forschungsergebnisse zu liefern, die bei zukünftig zu erwartenden Pandemien wichtig wären. Darüber hinaus wollen die Forschenden die Erklärungskraft theoretischer Konzepte der Wirtschaftsgeographie und Regionalökonomie zu Agglomerationsvorteilen, globalen Produktionsnetzwerken und regionaler Resilienz einer Überprüfung unterziehen.

Mehr Informationen zum Projekt: www.wigeo.uni-kiel.de

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