„Beide Erklärungsansätze erscheinen plausibel, sowohl auf der Basis von Alltagsüberlegungen als auch vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Theorien“, erklärt Wagner. Die Forscher nutzen für die Prüfung beider Theorien Daten der Statistik zur Politisch motivierten Kriminalität des BKA aus dem Berichtsjahr 2015. In diesem Jahr erreichte der Zuzug von Geflüchteten seinen Höhepunkt, die Polizei verzeichnete besonders viele einschlägige Straftaten. Sie setzten die Zahlen zu den strukturellen Merkmalen der insgesamt 402 deutschen Regierungsbezirke ins Verhältnis.
Das Ergebnis: Je mehr Ausländerinnen und Ausländer in einem Bezirk leben, umso geringer fällt die Anzahl fremdenfeindlicher Straftaten aus – selbst nach Ausschluss aller möglichen Störfaktoren. Überraschenderweise steht die Häufigkeit von Hassverbrechen in keinem signifikanten Zusammenhang mit dem Anteil der Geflüchteten in den einzelnen Bezirken, wohl aber mit dem Gesamtanteil der Ausländerinnen und Ausländer in einem Bezirk.
„Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Ausländerinnen und Ausländer in bestimmten Bezirken schon länger präsent sind, was für das Verhalten zwischen den Gruppen relevanter ist als neu hinzugekommene Geflüchtete“, vermuten die Autorinnen und Autoren. Die kurze Anwesenheit von Geflüchteten in einigen Bezirken reiche hingegen möglicherweise nicht aus, um positive Kontakte zu ermöglichen, die das Verhalten zwischen den verschiedenen Gruppen prägen könnten.

Professor Dr. Ulrich Wagner lehrte bis 2019 Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg und leitete eine Forschungsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Originalveröffentlichung: Ulrich Wagner & al.: Prejudice and minority proportion: Contact instead of threat effects, Social Psychology Quarterly 69 (2020), 380-390, DOI: www.doi.org







