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Nehmen stressgeplagte Menschen die Welt seltener und weniger intensiv und schön wahr? Um diese Frage zu beantworten, führte ein Team aus Experimentalpsycholog*innen der Helmut-Schmidt-Universität an der Professur für Allgemeine und Biologische Psychologie über einen Zeitraum von 14 Tagen empirische Untersuchungen unter 115 Studierenden durch. Das Ergebnis: Häufigkeit und Intensität ästhetischer Erfahrungen litten, sobald die Teilnehmer*innen mit anderen Aufgaben beschäftigt waren oder sich insgesamt ausgelastet fühlten.

Die Studie von Univ.-Prof. Dr. Thomas Jacobsen und Rosalie Weigand, M. Sc., konnte nachweisen, dass die Wahrnehmung von Schönheit auch abhängig ist von unserer mentalen Auslastung und dass es durchaus sinnvoll sein kann, hin und wieder tägliche Aufgaben beiseitezulegen, runterzufahren, um von den erholsamen Auswirkungen ästhetischer Erfahrungen zu profitieren. „Eine höhere Belastung des Arbeitsgedächtnisses schmälerte in unseren Untersuchungen das ästhetische Empfinden und verringerte den damit verbundenen Genuss bis zu einem gewissen Punkt. Kommt dann eine als anspruchsvoll empfundene zusätzliche Aufgabe hinzu, die richtig viel Konzentration erfordert, erhöht diese dagegen die ästhetischen Erfahrungen“, fasst Thomas Jacobsen das differenzierte Ergebnis seiner Studie zusammen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alltägliches Handeln, das Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses beansprucht, mit ästhetischen Erfahrungen im Alltag in Konflikt zu stehen scheint.

Um zu testen, ob sich die Intensität der ästhetischen Erfahrung reduziert, wenn die Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses anderweitig belegt sind, setzte das Forscherteam auf die sogenannte Experience Sampling Methode (ESM), eine Methode zur systematischen Erforschung des Alltagserlebens. Einhundertfünfzehn Studenten, knapp zur Hälfte weiblich, nahmen über zwei Wochen daran teil und gaben insgesamt 15.047 Berichte über ihre ästhetischen Erfahrungen ab. Als Maß für die aktuellen Gedächtnis-Ressourcenauslastung beantworteten die Teilnehmer*innen Fragen zu ihrer aktuellen Arbeitsgedächtnisbelastung und ob sie mit einer zweiten Aufgabe beschäftigt waren. Zusätzlich berichteten sie, ob sie eine ästhetische Erfahrung gemacht hatten und wie sehr sie die ästhetische Erfahrung genossen hatten. Für die Datenanalyse wurde ein mehrstufiges Modellierungsverfahren verwendet.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Jacobsen ist seit 2009 Professor für Allgemeine und Biologische Psychologie an der Helmut-Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Experimentelle Ästhetik, Neurokognitive Psychologie der Ästhetik, Exekutive Funktionen des Menschlichen Verhaltens sowie Auditive Verarbeitungsvorgänge (Präattentive Sprachverarbeitung, Sprachverstehen, Sprachwahrnehmung etc.). Aktuelle Studien der Professur beschäftigen sich mit den Themen Effektive Risikokommunikation im Verbraucherschutz und Flexibles Lernen unter Stressbedingungen.

Originalpublikation: Die wissenschaftliche Studie von Univ.-Prof. Dr. Thomas Jacobsen und Rosalie Weigand erschien in der Fachzeitschrift PLOS ONE unter dem Titel „Beauty and the busy mind: Occupied working memory resources impair aesthetic experiences in everyday life” und kann unter folgendem Link nachgelesen werden: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0248529

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