Im Vergleich mit über 50-Jährigen waren jüngere Beschäftigte (18- bis 29-Jährige) 2018 häufiger im Niedriglohnsektor tätig (18 gegenüber 37 Prozent). Dabei erwies sich der Niedriglohnsektor für Berufseinsteiger eher als Sprungbrett, auch wenn der Aufstieg für sie in den vergangenen zehn Jahren schwerer geworden ist. Zuletzt überwand jeder Dritte innerhalb von vier Jahren die Niedriglohnschwelle, von den älteren Beschäftigten gelang dies nur noch jedem Fünften. Der Niedriglohnsektor ist für sie somit zur Falle geworden. Für Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, ist klar: „Der Niedriglohnsektor hat die Arbeitslosigkeit reduzieren können. Allerdings zu einem hohen Preis: Niedrige Löhne dienen nicht mehr dem bloßen Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern sind häufig ein Dauerzustand. Sie sind dann kein Sprungbrett, sondern eine Sackgasse.“
So machen Beschäftigte in Branchen, deren Systemrelevanz seit Ausbruch der Corona-Krise erkannt wurde, einen Großteil der Niedriglöhner aus: 2018 waren mehr als die Hälfte der Niedriglohnbeschäftigten im Groß- und Einzelhandel, in der Transport- und Nahrungsmittelindustrie sowie in den Bereichen Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen tätig. „Die Corona-Krise verstärkt die Probleme des Niedriglohnsektors – vor allem für Minijobberinnen und Minijobber. Ohne das Sicherheitsnetz des Kurzarbeitergeldes erleiden sie als erste Einkommenseinbußen oder verlieren ihre Arbeit“, analysiert Dräger die aktuelle Situation. Besonders prekär ist die Lage von Beschäftigten, bei denen der Minijob den Haupterwerb darstellt – rund drei Viertel von ihnen verdienten 2018 weniger als 11,40 Euro pro Stunde und ein Aufstieg aus dem Niedriglohn gelang ihnen nur halb so häufig wie Vollzeitbeschäftigten. Sie haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld und der drastische Beschäftigungsrückgang bei dieser Gruppe von bereits 4,6 Prozent im März 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat zeigt: Insbesondere für Haushalte im unteren Bereich der Einkommensverteilung bricht derzeit ein erheblicher Teil des verfügbaren Einkommens weg. Soll der deutsche Arbeitsmarkt resilienter werden, gilt es auch schlecht abgesicherte Beschäftigungsformen, wie die Minijobs, zurückzudrängen.
Um den Niedriglohnsektor einzudämmen, plädieren die Studienautoren daher vor allem auch für eine Reform der Minijob-Regelung, die den Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse fördert. Eine Option hierfür ist, die Schwelle für Minijobs von 450 Euro abzusenken, sodass Beschäftigte bereits ab einer geringeren Höhe von beispielsweise 250 Euro Sozialversicherungsbeiträge abführen und so auch in Krisenzeiten besser abgesichert sind. Zusätzlich können Reformen im Steuer-, Abgaben- und Transfersystem dazu beitragen, Belastungen am unteren Ende der Einkommensverteilung zu reduzieren, um Arbeitsanreize zu stärken. Durch eine damit verbundene Ausweitung der Arbeitszeit würde auch die Wahrscheinlichkeit eines Aufstieges aus dem Niedriglohnsektor erhöht. Kurzfristig sollten darüber hinaus die Kontrollen zur Einhaltung des Mindestlohns verstärkt werden, um die Ein-kommenssituation vieler im Niedriglohnsektor Beschäftigten zu verbessern. 2,4 Millionen Menschen in Deutschland erhalten laut Studie unrechtmäßig weniger als ihnen rechtlich zusteht.
Die Studie „Der Niedriglohnsektor in Deutschland. Falle oder Sprungbrett für Beschäftigte?“, wurde von Dr. Markus M. Grabka und Konstantin Goebler vom DIW Econ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt. Auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer seit 1984 durchgeführten repräsentativen Längsschnittbefragung, analysierten sie die Entwicklung des Umfangs und der Struktur des Niedriglohnsektors. Zudem untersuchten sie die Mobilität von 1995 bis 2018 als Gesamtheit und für ausgewählte Subgruppen in mittlerer und längerer Frist. Hierfür betrachteten sie alle in Haupttätigkeit abhängig Beschäftigten, die in den jeweiligen Jahren weniger als zwei Drittel des Medians der Bruttostundenlöhne verdienten und somit im Niedriglohnsektor tätig waren.
Weitere Informationen: www.bertelsmann-stiftung.de







