Trommeln auf dem Historischen Marktplatz, Poetry Slam, Schüler auf der Bühne, Diskussionen über Wissenschaft, Arbeitswelt und gesellschaftliche Verantwortung – und im Café 1680 gleich nebenan Ausstellungen, Projekte und Gesprächsangebote: Bei der „Langen Nacht der Demokratie“ wurde am Freitag deutlich, dass Demokratie in Homburg nicht nur erklärt, sondern möglichst konkret erlebbar gemacht werden sollte. Viele Vereine, Schulen, Initiativen und Einzelpersonen beteiligten sich an einem Programm, das bis in den Abend hinein immer neue Blickwinkel eröffnete.
Schon zum Auftakt war der Historische Marktplatz gut besucht. Die Trommelgruppe um Nicole Schweitzer gab den musikalischen Startschuss, bevor Landrat Frank John die Veranstaltung eröffnete. Die Stadt hatte im Vorfeld ein umfangreiches Programm aus Musik, Lesungen, Poetry Slam, Vorträgen, Ausstellungen und Aktionen angekündigt – getragen vom Bündnis für Demokratie und Vielfalt und zahlreichen Partnern.
John machte gleich zu Beginn deutlich, warum ihm der Abend wichtig war. Freie Wahlen, demokratisch gewählte Gremien und die Bindung an Recht und Gesetz seien Dinge, die im Alltag schnell selbstverständlich wirkten. „Manchmal habe ich das Gefühl, diese Dinge sind schon viel zu selbstverständlich geworden, als dass wir sie nicht genug schützen würden“, sagte der Landrat. Umso wichtiger sei es, dass viele Menschen auf dem Marktplatz zusammenkämen und sich mit Demokratie beschäftigten.
Genau darum ging es anschließend auch Steven Kölsch und Suginthan Markandu vom Bündnis für Demokratie und Vielfalt. Sie stellten nicht nur die Arbeit des Bündnisses vor, sondern beschrieben auch ziemlich treffend, was einen solchen Zusammenschluss überhaupt zusammenhält. ,„Wir sind uns längst nicht in allem einig. Das gehört zur Demokratie auch dazu, das müssen wir auch gar nicht sein“, sagte Kölsch.
Entscheidend sei vielmehr, dass Menschen miteinander im Gespräch blieben. Unterschiedliche Meinungen auszuhalten, Kompromisse zu finden und gemeinsame Regeln zu akzeptieren, gehöre zum demokratischen Miteinander. „Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass Vielfalt zu Homburg gehört und dass Demokratie davon lebt, dass Menschen sich beteiligen können.“ Das Bündnis wolle deshalb nicht ausschließlich reagieren, wenn demokratische Grundwerte angegriffen würden. Es gehe ebenso darum, selbst Angebote zu schaffen, Begegnungen zu ermöglichen und darüber zu sprechen, wie Zusammenleben in Homburg aussehen könne.
Junge Stimmen bekommen viel Raum
Auffällig war an diesem Abend, wie viel Platz bewusst jungen Teilnehmern eingeräumt wurde. Schüler des Gymnasiums Johanneum standen ebenso auf der Bühne wie Poetry-Slammer Luca Eisenbarth. Er begann seinen Auftritt nicht mit einer politischen Parole, sondern mit einer persönlichen Frage an das Publikum: Wer habe schon einmal eine Freundschaft, Beziehung oder einen anderen wichtigen Menschen aufgrund politischer Vorstellungen oder Ideologien verloren?
Eisenbarth erzählte, dass ihm genau das passiert sei. „Mir ist das passiert, als ich vor einigen Jahren angefangen habe, mich zu engagieren“, sagte er. Aus dieser Erfahrung entstand sein Text „Wenn wir groß sind“. Auch sein zweiter Beitrag, „Seifenblasen auf Asphalt“, blieb persönlich. Eisenbarth beobachtete darin Menschen im öffentlichen Raum und stellte Fragen nach Vorurteilen, Identität und dem Blick auf andere. Gerade dadurch funktionierten seine Texte an diesem Abend: nicht als Vortrag darüber, was Demokratie sein müsse, sondern als Einladung, die eigene Perspektive zu hinterfragen.
Musik vom Johanneum bis zum Bürgerchor
Zwischen den Wortbeiträgen sorgte immer wieder Musik dafür, dass aus dem Abend keine Abfolge langer Reden wurde. Schüler des Gymnasiums Johanneum präsentierten unter anderem „Mad World“, weitere Beiträge kamen von Sigi Becker, JA.KLAR und dem Bürgerchor des Saarländischen Staatstheaters. Trommelgruppen begleiteten mehrere Programmpunkte.
Später gehörten auch historische, gesellschaftliche und europäische Fragen zum Bühnenprogramm. Es ging um Frauen in der Demokratie, Umweltinformationen als Bürgerrecht, die Geschichte der Bundesflagge und um Europa. Damit war die Themenbreite groß – vielleicht gerade deshalb aber passend zum Titel des Abends.
Ballons als Symbol für Unterschiede
Besonders sichtbar wurde der Gedanke der Vielfalt bei einer Aktion von saarkult. Bunte Ballons sollten sinnbildlich dafür stehen, dass Menschen unterschiedlich sind, verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedliche Meinungen haben und aus verschiedenen Kulturen kommen – und trotzdem Teil derselben Gesellschaft sind.
„Demokratie bedeutet für uns nicht nur miteinander zu leben“, hieß es bei der Aktion. Dazu gehörten ebenso freies Denken, die eigene Meinung äußern zu dürfen, zuzuhören und andere Ansichten zu respektieren. Mit den Ballons verband die Gruppe Wünsche wie Freiheit, Gleichheit, Respekt, Frieden und Hoffnung. Es war einer dieser Programmpunkte, die ohne langen Vortrag auskamen und trotzdem sofort sichtbar machten, worum es an diesem Abend ging.
Demokratie endet nicht vor dem Werkstor
Auch die Arbeitswelt bekam ihren Platz. Kai Sarg von der IG Metall sprach über betriebliche Demokratie und darüber, wie Beteiligung und Mitbestimmung im Arbeitsalltag funktionieren können. Sein Rat war dabei erstaunlich grundlegend: Menschen müssten mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen werden – unabhängig davon, wie groß oder klein diese erscheinen.
Und man solle aufhören, „so zu tun, als wären Dinge alternativlos“. Damit wurde ein weiterer Aspekt deutlich: Demokratie wurde an diesem Abend nicht allein als Frage von Parlamenten und Wahlen verstanden, sondern auch als etwas, das im Betrieb, im Verein, in Schulen und im direkten Alltag stattfindet.
Wissenschaft braucht Freiheit
Einen weiteren Blickwinkel brachte Prof. Dr. Dr. Stephanie Tritt ein. Sie sprach über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Medizin, über Fachkräfte und internationale Mitarbeiter am Universitätsklinikum – vor allem aber auch über die Freiheit von Wissenschaft und Lehre.
„Die Freiheit im Denken, die Freiheit in der Wissenschaft, die Freiheit in der Lehre, die Freiheit in der Kunst muss uns weiterhin ein ganz, ganz hochheiliges Gut bleiben“, sagte Tritt. Ohne die Möglichkeit, Dinge kritisch zu hinterfragen und frei zu forschen, seien neue Erkenntnisse kaum möglich. Auch beim Thema Vielfalt wurde sie konkret: Am UKS seien nach ihren Angaben Menschen aus mehr als 70 Nationen beschäftigt. „Das ist wirklich Vielfalt gelebt“, sagte Tritt.
Im Café 1680 ging es weiter
Während auf dem Marktplatz das Bühnenprogramm lief, wurde das Thema im Café 1680 noch einmal anders aufgegriffen. Das Adolf-Bender-Zentrum zeigte eine Wanderausstellung zum Thema Rassismus, die Landeszentrale für politische Bildung stellte Bücher zur Demokratiebildung von Kindern vor. Hinzu kamen unter anderem Beiträge des BUND, der IG Metall, des Eine-Welt-Ladens, des Rotary Clubs Homburg, des Gymnasiums Johanneum und der Katholischen Studierenden Jugend.
Damit war der Abend ausdrücklich nicht nur zum Zuschauen gedacht. Besucher konnten Fragen stellen, Ausstellungen ansehen und mit den beteiligten Gruppen ins Gespräch kommen. Genau diesen Ansatz hatte das Bündnis zu Beginn beschrieben: Demokratie nicht abstrakt behandeln, sondern sie im Gespräch praktisch werden lassen.
Nicht einer Meinung – aber im Gespräch
Vielleicht war das die stärkste Botschaft dieses Abends. Nicht jeder Programmpunkt sprach jeden Besucher gleichermaßen an. Nicht jede Position musste geteilt werden. Und genau das formulierten die Organisatoren selbst erstaunlich offen. Demokratie funktioniere nicht, weil alle einer Meinung seien, sondern weil Menschen trotz unterschiedlicher Positionen miteinander im Gespräch bleiben.
Auf dem Historischen Marktplatz ließ sich das für einige Stunden tatsächlich beobachten: Schüler standen neben Gewerkschaftern, Vereine neben politischen und gesellschaftlichen Initiativen, Musik wechselte sich mit Poetry Slam und Diskussionen ab. Die „Lange Nacht der Demokratie“ wollte keine fertigen Antworten liefern. Sie schuf vor allem einen Ort, an dem viele unterschiedliche Fragen gestellt werden konnten. Und vielleicht ist genau das schon ziemlich demokratisch.
Alle Bilder: Friedel Simon






























































































