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Ökonomen der Universität Passau zeigen anhand einer Auswertung einzigartiger historischer Daten, dass die Kliniken für Geburtenkontrolle und Familienplanung der US-Frauenrechtlerin Margaret Sanger Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur die Geburtenrate senkten, sondern auch substantielle Gesundheitseffekte hatten. Sie liefern damit neue Erkenntnisse für die Ursachen und die Dynamik des demographischen Wandels in den USA.

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Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war in den USA nicht nur Abtreibung verboten, sondern auch jegliche Verbreitung von Verhütungsmitteln und Informationen zu sexueller Aufklärung. Insbesondere Frauen aus unteren Einkommensschichten litten darunter. Viele Schwangerschaften und Geburten wurden für sie zum Gesundheits- und Armutsrisiko.
Die Krankenschwester Margaret Sanger kämpfte gegen das Aufklärungsverbot und für die Rechte dieser Frauen. 1916 eröffnete sie die erste Klinik für Geburtenkontrolle im New Yorker Bezirk Brooklyn, die allerdings nach nur zehn Tagen durch die Polizei wieder geschlossen wurde. Nichtsdestotrotz war dies ein Auslöser für viele weitere Kliniken nach dem gleichen Vorbild, die insbesondere in den 1920er und 30er Jahren überall in den USA öffneten.

In der Studie “The Impact of Margaret Sanger’s Birth Control Clinics on Early 20th Century U.S. Fertility and Mortality“, die nun als Working Paper erschienen ist, untersuchen Prof. Dr. Michael Grimm und Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, beides Ökonomen an der Universität Passau, gemeinsam mit der US-Historikerin Prof. Dr. Cathy M. Hajo vom Ramapo College, New Jersey, USA, erstmals quantitativ die Wirkung dieser Kliniken. Anhand der Auswertung einzigartiger historischer Daten weisen die Forschenden nach, dass die Kliniken nicht nur die Geburtenrate senkten, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für Totgeburten sowie die Sterblichkeit von Säuglingen und Müttern reduzierten: „Die Ergebnisse legen nahe, dass die Kliniken eben jene Geburten verhinderten, die mit einem erhöhten Risiko für die Frauen und Kinder verbunden waren, beispielsweise weil sie dicht auf vorherige Geburten folgten oder die Frauen generell schon viele Geburten hinter sich hatten. Zudem sollten sich dadurch die Lebens- und Gesundheitsbedingungen in den Haushalten verbessert haben“, schreiben die Ökonomen.

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Die Ergebnisse im Überblick:

• Nach der Eröffnung einer Klinik ging die Geburtenrate zurück. Frauen, die im Alter von 15 bis 40 Jahren in irgendeiner Form Zugang zu einer Klinik hatten, bekamen um bis zu 15 Prozent weniger Kinder.
• Nach Eröffnung einer Klinik kommt es zu einem Rückgang der Totgeburten von 4,5 Prozent. Dieser Effekt wird nicht durch den Rückgang der Schwangerschaften an sich getrieben, sondern erklärt sich aus einem größeren Abstand zwischen Schwangerschaften, der die Gesundheitsbedingungen für Schwangere und (ungeborene) Kinder verbesserte.
• Darüber hinaus führten die Kliniken zu einem Rückgang der Säuglingssterblichkeit. Im Zeitraum von 10 Jahren nach Eröffnung einer Klinik starben 7 Prozent weniger Kinder im ersten Lebensjahr. Dies lässt sich erneut mit den verbesserten Gesundheitsbedingungen erklären und ist nicht durch den Rückgang der Geburten getrieben.
• Auch die Sterberate der Mütter reduzierte sich. Zwar liegen aus dieser Zeit keine geschlechtsspezifischen Todeszahlen vor. Aber Todesursache-Statistiken zeigen, dass insbesondere die Sterblichkeit durch Kindbettfieber in Regionen mit einer Klinik stärker zurückging als in Regionen ohne Klinik.

Ursachen des demographischen Wandels

„Wir sind die ersten, die zeigen, dass die Kliniken für Geburtenkontrolle und Familienplanung von Margaret Sanger tatsächlich einen messbaren Effekt auf den demographischen Wandel in den USA hatten“, sagt Prof. Dr. Grimm. Der Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics forscht schwerpunktmäßig zu den ärmsten Regionen Afrikas. Für ihn stellt der historische Kontext der USA eine Art Reallabor dar, denn zum Teil lassen sich die Erkenntnisse aus dieser Zeit auf den Entwicklungskontext übertragen. Er baut mit der aktuellen Studie auf einer Arbeit auf, in der er mit Hilfe historischer US-Daten die Wirkung klimatischer Bedingungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Geburtenrate landwirtschaftlicher Haushalte untersucht hat.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau, hat sich ebenfalls bereits mit historischen Daten zu Sterblichkeit befasst. Er zeigte, wie die erste allgemeine Pflichtkrankenversicherung unter Bismarck durch die Verbreitung von exklusivem medizinischen Wissens Leben im Deutschen Reich gerettet hat. Ihn reizte dann auch die Arbeit mit den historischen US-Daten und die Frage, wie sich die Kliniken auf die Gesundheit von Frauen und Kindern auswirkten: „Bemerkenswert ist insbesondere der Effekt auf die Sterblichkeit von Kindern im ersten Lebensjahr“, sagt der Ökonom. „Wir konnten nachweisen, dass die Kliniken spürbare Gesundheitseffekte hatten.“

Für die Studie digitalisierten die Ökonomen einzigartige Daten, die die Historikerin Hajo aus dem von Sanger herausgegebenen Birth Control Review, Zeitungsarchiven und vielen anderen Quellen zusammengetragen hatte. Diese Informationen kombinierten die Forschenden mit Daten aus US-Volkszählungen sowie amtlicher Geburten- und Sterberegister auf Ebene der Städte und Landkreise (Counties). Die US-Historikerin Hajo hat das Leben und Wirken von Margaret Sanger umfassend erforscht. „Margaret Sanger wäre überglücklich gewesen, wenn sie die Ergebnisse der Studie gesehen hätte“, sagt sie. Denn die Krankenschwester habe sich Zeit ihres Lebens gefragt, ob ihr Engagement für die Frauen tatsächlich einen Unterschied machte. „Wir können nun zeigen, wie groß dieser Wirkung wirklich war.“

Originalpublikation: https://www.wiwi.uni-passau.de/fileadmin/dokumente/fakultaeten/wiwi/lehrstuehle/…

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