Mehr als 70 Prozent der 14- bis 20-Jährigen in Deutschland beklagen, dass sich die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt durch Corona verschlechtert haben. Die Hälfte ist der Auffassung, dass die Politik wenig bis gar nichts für junge Menschen tut, die einen Ausbildungsplatz suchen. Wer demnächst ein Studium anfangen möchte, sieht die Situation dagegen deutlich positiver. Das zeigt eine Befragung der Bertelsmann Stiftung.

Die Corona-Krise führt zu einer wachsenden Verunsicherung junger Menschen im Hinblick auf die Situation am Ausbildungsmarkt. 71 Prozent aller Befragten – das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr – sind der Ansicht, dass sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz durch Corona verschlechtert haben. Bei Jugendlichen mit niedriger Schulbildung sind es sogar 78 Prozent. Für zukünftige Studierende sieht es deutlich besser aus: Weniger als ein Viertel (24 Prozent) aller Befragten glaubt, die Chancen auf einen Studienplatz seien durch Corona beeinträchtigt. Zu diesen Ergebnissen kommt die zweite Ausgabe einer repräsentativen Befragung von iconkids & youth im Auftrag der Bertelsmann Stiftung von Februar/März 2021. Die Unterschiede in der Beurteilung der Zukunft sind nachvollziehbar, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung: „Wer das Abitur hat, besitzt quasi eine Studiengarantie. Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen lassen wir in Krisenzeiten allein. Das ist nicht gerecht.“

53 Prozent der Jugendlichen haben den Eindruck, die Politik tue wenig oder gar nichts für Ausbildungsplatzsuchende. Das sind noch einmal drei Prozent mehr als bei der Befragung im August vergangenen Jahres. Weitere 20 Prozent sagen, dass die Politik zwar eher viel tue, aber noch immer nicht genug. „Wir müssen jedem jungen Menschen eine Ausbildungsperspektive geben, gerade in der Krise“, fordert Dräger. Das sei eine Frage der Chancengerechtigkeit und diene der Fachkräftesicherung. „Jede Krise vernichtet dauerhaft Ausbildungsplätze. Das war 2008 so und wird auch jetzt wieder so sein. Ausbildungsprämien für Betriebe reichen leider nicht, um diese Entwicklung aufzuhalten. Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie.“

Ausbildung nach wie vor sehr attraktiv für junge Menschen

Das Interesse junger Menschen an einer Ausbildung ist auch im zweiten Corona-Jahr groß: 41 Prozent der 14- bis 20-Jährigen, die noch Schüler:innen einer allgemeinbildenden Schule sind, möchten auf jeden Fall eine Ausbildung machen. Weitere 36 Prozent sind noch unentschieden. Das bedeutet, dass fast vier Fünftel der Schüler:innen eine Ausbildung zumindest als Möglichkeit in Betracht ziehen. Jugendliche, die ihren Ausbildungsplatz schon angetreten oder bereits eine Zusage erhalten haben, sind mit ihrer Wahl höchst zufrieden: Mehr als 80 Prozent geben auf einer fünfstufigen Skala die beiden positivsten Bewertungen ab. Bemerkenswert ist, dass die Zufriedenheitsquote bei Jugendlichen mit niedriger Schulbildung mit 95 Prozent besonders hoch ist. „Das Potenzial der beruflichen Bildung ist nach wie vor sehr groß. Wir müssen alles daransetzen, dieses auch zu realisieren“, so Dräger.

Berufsorientierung: Im Dschungel der Wegweiser

Die große Mehrheit (79 Prozent) der Jugendlichen in Deutschland hält zwar das Informationsangebot zur Berufswahl insgesamt für ausreichend, allerdings beklagen 54 Prozent von ihnen, dass sie Schwierigkeiten haben, sich in der Fülle von Informationen zurechtzufinden. Was speziell das schulische Angebot zur Berufsorientierung betrifft, so schneiden Hauptschulen in den Einschätzungen der Schüler:innen besonders gut ab: 43 Prozent der Jugendlichen mit niedriger Schulbildung geben an, gut bis sehr gut über Berufe informiert zu sein. Umgekehrt zeigt sich die größte Unzufriedenheit bei den jungen Menschen mit hoher Schulbildung: Hier fühlen sich lediglich 23 Prozent gut bis sehr gut informiert und fast die Hälfte von ihnen (47 Prozent) hält sich für nicht so gut oder gar nicht gut informiert.

Das Meinungsforschungsinstitut iconkids & youth hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung eine repräsentative Untersuchung bei Jugendlichen durchgeführt. Befragt wurden 1.700 repräsentativ ausgewählte 14- bis 20-Jährige: 1.593 mittels Online-Befragung, ergänzt um Face-to-Face-Interviews bei 150 Hauptschüler:innen. Die Daten wurden nach Schulbesuch und -abschluss gewichtet. Die Interviews wurden vom 11. Februar bis 3. März 2021 geführt. Die Bertelsmann Stiftung setzt sich für die Einführung einer Ausbildungsgarantie nach österreichischem Vorbild ein. Jugendliche, die bei der Suche nach einem regulären dualen Ausbildungsplatz erfolglos waren, haben dort Anspruch auf einen außerbetrieblichen Ausbildungsplatz. Dabei wird bereits im ersten Ausbildungsjahr die Vermittlung in ein betriebliches Ausbildungsverhältnis angestrebt.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick:

71 Prozent
der befragten Jugendlichen – also knapp drei Viertel – sind der Ansicht, dass sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz verschlechtert haben. Die Corona-Krise hinterlässt also deutliche Spuren bei den jungen Menschen. Die Stimmung wird schlechter. Noch im vergangenen Jahr gab es zehn Prozent weniger Pessimist:innen unten den Jugendlichen.

24 Prozent
und damit nur knapp ein Viertel der Jugendlichen sagt dagegen, dass sich die Chancen auf einen Studienplatz verschlechtert hätten. Nicht verwunderlich, denn Studienplätze sind nicht weggefallen. Nur das Studium selbst ist mühsamer, da es in Pandemie-Zeiten komplett online läuft.

53 Prozent
der befragten Jugendlichen sagen, die Politik kümmere sich zu wenig um Ausbildungsplatzsuchende. Ein dramatisch schlechtes Zeugnis, wenn man bedenkt, dass weitere 20 Prozent sagen, die Politik tue zwar viel, aber noch immer nicht genug. In der Summe sind also mehr als 70 Prozent nicht zufrieden mit dem Engagement der Politik für die Jugendlichen auf Ausbildungsplatzsuche.

54 Prozent
der Jugendlichen auf Ausbildungsplatzsuche hadern mit der Zahl der Ausbildungsplätze. Nicht einmal die Hälfte der Befragten geht also davon aus, dass die Versorgung ausreicht. Kein Wunder, bilden doch weniger als ein Fünftel aller Betriebe überhaupt noch aus. Zudem ist die Zahl der (dualen) Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr um über 9 Prozent zurückgegangen. Keine guten Aussichten für die Ausbildung.

79 Prozent
der Befragten gibt zwar an, das Informationsangebot zur Berufswahl sei ausreichend. Dass es nicht allein die Masse macht, zeigt eine weitere Zahl: 54 Prozent der Jugendlichen geben an, sich im Dschungel der Informationen nur schwer zurechtzufinden. Die Infos kommen also nicht dort an, wo sie gebraucht werden.

67 Prozent
der Jugendlichen werden bei der Auswahl des Ausbildungsplatzes von ihren Eltern unterstützt. Der Einfluss ist überraschend groß, wenn man bedenkt, dass für die meisten Jugendlichen das Smartphone grundsätzlich die wichtigste Informationsquelle zu sein scheint.

59 Prozent
schauen dennoch grundsätzlich positiv in die Zukunft: Jugend lässt sich nicht unterkriegen! Wenigstens diese Zahl bedeutet einen Hoffnungsschimmer.

Link zur vollständigen Studie: www.chance-ausbildung.de/jugendbefragung/corona2021

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